Verfasst von: Christian | 5. August 2008

Je älter, desto weiser? Psychologische Erkenntnisse jenseits von Kindheit und Jugend

Je älter, desto weiser? Psychologische Erkenntnisse jenseits von Kindheit und Jugend

Was verstehen Menschen unterschiedlichen Alters unter Weisheit? Wie hängt die Entwicklung von Weisheit mit dem Durchleben kritischer Lebensereignisse zusammen? Wie denken weise Menschen über die Ereignisse ihres Lebens? Diese und andere Fragen sind Inhalt des Forschungsprojekts „Weisheit und Lebenserfahrung“, das Judith Glück von der Fakultät für Psychologie in Kooperation mit der University of Florida leitet.

Die empirische Forschung über Weisheit ist noch relativ jung. Über die Definition von Weisheit besteht in der Wissenschaft bis dato keine Einigkeit, ebenso wenig über die Messung dieses komplexen und schwer zu beschreibenden Konstrukts. Ao. Univ.-Prof. Dr. Judith Glück vom Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik der Fakultät für Psychologie hat sich im Gegensatz zu den traditionellen Forschungsgebieten der Entwicklungspsychologie – Kindheit und Jugend – auf die psychologische Entwicklung im Erwachsenenalter und höheren Alter spezialisiert. Sie möchte in diesem Zusammenhang mehr Klarheit über den Begriff Weisheit gewinnen, denn, so Glück: „Weisheit ist eine der wenigen Eigenschaften, die sehr positiv bewertet und positiv mit dem hohen Alter assoziiert werden. Angesichts der Tatsache, dass Menschen immer älter werden, gleichzeitig aber stark negative Altersstereotypen vorhanden sind, erscheint mir die wissenschaftliche Beschäftigung mit den positiven Seiten des Alterns wichtig.“

Der Weisheitsbegriff: vom Denken zum Fühlen

Im aktuellen Forschungsprogramm „Weisheit und Lebenserfahrung“, das Glück seit 2002 in intensiver Zusammenarbeit mit Susan Bluck von der Abteilung für Psychologie der University of Florida durchführt, konzentriert sie sich auf die Entwicklung und Manifestation von Weisheit im Kontext realer Lebensgeschichten. Die amerikanische Partnerin lernte Glück während eines dreijährigen Aufenthalts am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin kennen, wo die beiden im Weisheitsprojekt des Psychologen Paul Baltes mitarbeiteten.

Bei bisherigen Untersuchungen zum Weisheitsbegriff wurden laut Glück sehr abstrakte Aufgabenstellungen verwendet. Zudem ging man von einem kognitiven Weisheitsbegriff aus, ohne soziale und emotionale Aspekte zu berücksichtigen. Erst seit wenigen Jahren gehen die Forschungsbestrebungen dahin, Weisheit stärker aus einer mehrdimensionalen Perspektive zu untersuchen. Für Glück heißt das, nicht fiktive Problemstellungen zu untersuchen, sondern Erkenntnisse anhand von konkreten Erlebnissen und Erfahrungen zu gewinnen.

Art der Weisheit altersabhängig

In einer Interviewstudie hat die Psychologin Männer und Frauen aus drei Altersgruppen nach Ereignissen gefragt, bei denen sie meinten, selbst weise gewesen zu sein. Das Ergebnis: Weisheit zeigt sich in allen Lebensphasen, wenngleich in jeweils alterstypischen Gewändern. Während die Ereignisse, die Weisheit fordern, in jedem Alter ähnlich sind (Lebensentscheidung, Lebensführung, Umgang mit negativen Ereignissen), ändert sich die Form des weisen Verhaltens. Jugendliche empfinden vor allem Empathie und emotionale Unterstützung als weise. Im Alter von 30 bis 40 Jahren zählen Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen zu den wichtigsten Kriterien, und Personen im Alter von 60 bis 70 Jahren bezeichnen Wissen, Balance und Flexibilität als entscheidende Aspekte weisen Verhaltens.

Zu einer Theorie des weisen Verhaltens

Das Verständnis von Weisheit ändert sich folglich im Alter. Erst durch die Erfahrung des eigenen Älterwerdens werden Balance und Kompromissfähigkeit als wichtige Ziele beim Lösen von Problemen gesehen. Glück stellt damit das gängige so genannte Berliner Weisheitsparadigma infrage, das davon ausgeht, dass sich der Weisheitsansatz ab 25 Jahren nicht mehr ändert.

In einem nächsten Schritt will Glück weiteres Material sammeln, das aus Realsituationen stammt, um mehr Verständnis über den Zusammenhang von Alter und Weisheit zu gewinnen. Gefragt nach dem großen Ziel des Projekts, sagt sie: „Ich möchte ein Modell entwickeln, das sich auf weises Verhalten im Unterschied zu weisem Denken bezieht.“

Symposium Lebenslanges Lernen

Das Forschungsprojekt von Judith Glück und Susan Bluck wurde unter anderen in Rahmen des Symposiums „Life Long Learning“ vorgestellt, das am 7. November 2005 im Kleinen Festsaal der Universität Wien stattfand. „Life Long Learning“ ist ein Forschungsschwerpunkt der Fakultät für Psychologie.

Quelle: Universität Wien


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: