Verfasst von: Christian | 30. September 2008

Die Stunde des Luchs: Psychologie, Philosophie und Theologie – alles in einem Theaterstück

Auf der Suche nach Gott gerät der menschliche Verstand des Öfteren auf düstere und geheimnisvolle Wege. In Hour Of The Lynx, ein Schauspiel des Schweden Per Olov Enquist, das neulich von einer Jugendtheatergruppe vorgeführt wurde, wird ein Luchs von einem seelisch gestörten jungen Mann, der im Vorfeld ein Ehepaar kaltblütig ermordet hat vergöttert; der Schauplatz der Handlung ist eine Irrenanstalt wo der Junge inkarzeriert ist.

Das Handlungsschema, das mehr auf eine Fallstudie als auf ein Theaterück deutet, spielt sich im Verlauf des Gesprächs zwischen dem jungen Mann mit einer Pastorin der Kirche Schwedens und einer Psychologie-Studentin, die als Aufsichtsperson eines Behaviorismus-Experimentes, das Verhaltensänderungen bei Geisteskranken durch Tierpflege dokumentieren soll beauftragt wurde.

Enquist hat mit diesem Stück wirklich eine Begabung was Charakterkonstruktion angeht bewiesen. Die Geschichte des jungen Mannes ist einwandfrei dargestellt, so das am Ende man ihm kaum kein Mitgefühl schenken kann, trotz seiner Unfähigkeit wegen seiner Untaten Reue zu zeigen. Von seiner Mutter verlassen, wurde der Junge von einem alkoholsüchtigen Grossvater grossgezogen, der als evangelischer Pfarrer tätig war. Nach einer Schweigezeit von vier Jahren in der Irrenanstalt, fängt der Junge an plötzlich mit dem ihm anvertrauten Luchs zu sprechen. Selbstverständlich antwortet ihm das von ihm Valle genannte Tier dann auch nach einer kurzen Zeit des gegenseitigen Kennenlernens. Diese Beziehung entwickelt sich immer weiter und führt schliesslich zur Personifizierung der göttlichen Anwesenheit mit der Katze, da Valle das einzige Geschöpf ist das keine Kritik an ihm ausübt und ihn auch seine Schulden vergibt. Hier entsteht eigentlich der Kern der ganzen Handlung: “Wenn nichts Sinn macht, werden wir alle verrückt” postuliert der Junge. Hier sepielt sich eigentlich das gesamte Problem des Glaubens ab: unsere Notwendigkeit verstanden und vergeben zu werden und auch eine Kommunikation mit einem höheren Wesen festzustellen, welches uns ermöglicht unserem Leben einen gewissen Sinn zu erteilen. Ironischerweise verrät uns das Stück dass manchmal der Wahnsinn eigentlich das einzig sinnvolle ist.

“Die Stunde des Luchs” deutet auf eine Beaudelaire-ähnlichen symbolistischen Lebensdarstellung, die, zusammen mit dem Bergman- verdächtigen romantischen Mystizismus und einem Nathaniel Westschen schwarzen Humor eine fesselnde Studie eines verstörten Geistes darstellt. Das Stück erinnerte mich auch an eine neulich gelesene Internet-Diskussion wo der Glaube an Gott zur Debate gestellt wurde. Nun, “Die Stunde des Luchs” mag zwar das Problem der göttlichen Existenz nicht klären, aber es wird eine höchst interessante Einsicht in unserem Glaubensmechanismus präsentiert.

Die Darbietung trug natürlich auch zur Anziehungskraft des Schauspiels bei. Ich musste entzückt feststellen dass wir begabte junge Schauspieler haben. Sehr überzeugende Aufführung einer Gruppe von Stundenten, wenn ich mich nicht täusche.

Advertisements

Responses

  1. Ist das aber nicht ein bisschen einfach? Wir kennen schon seit Alfred Hitschcocks „Psycho“, J.D.Salinger’s „Catcher in the Rye“ oder „Silence of the Lambs“ dass normale Menschen eine Faszination haben fuer die geisteskranken Moerderern unserer Gesellschaft.

  2. Wahnsinn ist das einzig sinnvolle? Und was passiert mit den Menschen bei gesundem Verstand? Sind sie die wahrlich kranken da sie nicht verrueckt sind?


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: