Verfasst von: Christian | 29. Oktober 2008

Wie die Polen homosexuelle Menschen therapieren

Frauen lernen Kochen, Männer Fußballspielen: so will die katholische Kirche in Polen Schwule und Lesben heterosexuell machen. Die Menschen sollen wählen „zwischen einem Leben der Lust in Sünde und einem christlichen Leben auf Grundlage der Keuschheit“.

Homosexualität gilt im katholischen Polen  als Krankheit oder wenigstens Sünde. So fühlen sich Lesben und Schwule oft gezwungen, in speziellen Einrichtungen der katholischen Kirche Hilfe und Behandlung zu suchen. In einem unscheinbaren weißen Haus im südostpolnischen Lublin arbeitet so ein Zentrum zur Therapie von Homosexuellen. Es heißt „Odwaga“ (Mut) und wird von der katholischen Stiftung „Licht-Leben“ betrieben. Hier lernen Männer Fußballspielen, Frauen Kochen, Beten, um sein Kreuz zu tragen. „Das Ziel ist nicht, den Patienten zu ändern oder umzupolen. Das Ziel ist, ihn darauf vorzubereiten, seine Neigung zu akzeptieren“, sagt die Warschauer Psychologin Lena Wojnowicz, die für „Odwaga“ arbeitet. „Er muss akzeptieren, dass Gott ihn so geschaffen hat. Das ist eine Bedingung, die ihm auferlegt wurde.

Die Patienten müssten davon überzeugt werden, dass sie die Wahl haben, sagt die Psychologin, zwischen einem Leben der Lust in Sünde und einem christlichen Leben auf Grundlage der Keuschheit. Der Mensch ist in der Lage zu erkennen, was wirklich wichtig für ihn ist, sagt die Psychologin. „In diesem Fall ist er fähig, all seine Gefühle zu überwinden.“ Die Standard-Therapie von „Odwaga“ dauert sehr lange. Im ersten Jahr verbringen die Teilnehmer ein Wochenende pro Monat in einer Unterstützungsgruppe im Zentrum in Lublin. Anschließend sind 20 Stunden Gruppentherapie pro Monat vorgeschrieben. Die Therapie leiten Psychologen, von denen viele auch Priester sind. Zur Unterstützung der Therapien bietet „Odwaga“ Gruppen für Mütter, Väter und Ehefrauen von Homosexuellen an. Auf ihrer Website veröffentlicht die Organisation zahlreiche Berichte von Therapie-Teilnehmern, um den Erfolg der Behandlung zu belegen. Niemand von ihnen möchte allerdings offen mit Journalisten sprechen. Die „Odwaga“-Methode macht Schule. Psychologen und Gruppen organisieren nahezu überall in Polen Therapien für Homosexuelle. Für die polnischen Schwulen- und Lesbenvereinigungen sind diese Therapien allerdings ein Irrweg, der sogar die psychische Gesundheit der Menschen gefährden kann. „Wenn ein Homosexueller zu einem dieser Psychologen geht, bekommt er zu hören: Das geht vorbei … Aber es geht nicht vorbei!“, sagt die Psychologin Marta Abramowicz, die für die Vereinigung „Kampagne gegen Homophobie“ arbeitet. „Danach kann der betroffene Mensch in eine Depression verfallen. Ich kannte sogar Menschen, die sich umgebracht haben“, sagt sie. Doch in Polen, wo sich mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben bekennen, werden diese Therapien auch in Zukunft weiter existieren. Laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr betrachten 53 Prozent der Polen Homosexualität als Sünde. 57 Prozent erklären, Homosexuelle sollten ihre sexuelle Orientierung nicht bekanntmachen und 47 Prozent denken, Homosexuelle sollten versuchen sie zu ändern.


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