Verfasst von: Christian | 2. Dezember 2008

Die Deutschstunde

goethe

Wie habe ich sie gehasst, unsere Deutschlehrer – ohne Phantasie und gleichzeitig gequält von der Vorstellung, dass in den Schulbüchern etwas stehen könnte, was vielleicht nicht richtig wäre. Umso stärker jemand an einer Meinung zweifelt, umso energischer verteidigt er sie. Haben sie das schon mal festgestellt? Nein? Bei unseren Deutschlehrern war es sehr deutlich sichtbar. Bei schriftlichen oder mündlichen Erörterungen deutscher literarischer Werke z.B. wurde eine zweite Meinung nicht zugelassen, da es so und nicht anders im Lehrstoff vorgesehen war. Wären die Lehrer vom Inhalt der Lehrbücher überzeugt gewesen, dann hätten sie eine Diskussion zugelassen und wären unserer Kritik mit Argumenten begegnet. Die strikte Ablehnung einer zweiten Interpretation eines literarischen Werkes war für mich damals der Beweis völliger Unsicherheit der Lehrer, oft gepaart mit Unwissenheit.

Die Hälfte meiner Deutschlehrer waren im Hauptfach eigentlich Sportlehrer, die nur bei den Germanisten gelandet waren, weil ihre Unkenntnis dort am wenigsten aufgefallen war und man ja leider ein zweites Hauptfach benötigte, um im Sommer sechs Wochen Urlaub machen zu können. Die Schlaueren unter den Sportlehrern hatten als zweites Fach Erdkunde gewählt, die Dümmeren landeten bei den Germanisten. Überhaupt war Erkunde seit 1945 ein sehr unspektakuläres Fach, bei dem es eigentlich nur darauf ankam, dass weder Schüler noch Lehrer ein gesteigertes Interesse am Lehrstoff zeigen durften. Solange dieser Pakt funktionierte, konnte weder die Verbeamtung der Lehrer noch die Versetzung der Schüler in Gefahr geraten. Eigentlich hätte es im Deutschunterricht auch so funktionieren können, doch leider weisen kartografische und literarische Werke einen gravierenden Unterschied auf. Über Plattentektonik kann man schlecht diskutieren. Entweder man versteht sie oder man versteht sie nicht. Die Frage, warum sich die indische Platte von der afrikanischen Platte gelöst und in Richtung Norden auf Wanderschaft begeben hat, stellt sich nicht. Aber wie ist es mit der Literatur? Man muss alles Geschriebene in einem historischen Kontext verstehen, man muss wissen, wie der Verfasser die Welt gesehen hat und man muss wissen, ob sich in der Botschaft eines Werkes Überzeugung oder Zweifel des Literaten widerspiegeln. Zur Verständnis eines Werkes reicht es eben nicht aus, nur die Zeilen zu lesen, man muss auch verstehen, was zwischen den Zeilen geschrieben steht.

Erklären sie das mal einem Sportlehrer. Ich habe es schon damals aufgegeben, denn wo kein Licht leuchtet, da braucht man auch nicht zu läuten.


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